Jeder Tag nahezu Wochenende: Wie können deutsche Energieversorger in der "neuen Normalität" erfolgreich sein?

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Energieversorger sehen sich einer "neuen Normalität" gegenüber, in der Haushaltskunden eine größere Rolle spielen.

Die COVID-19-Pandemie führte zu Verhaltensänderungen in unserem täglichen Leben, was u.a. große Auswirkungen auf den Energieverbrauch in Deutschland hat. Während der Gesamtenergieverbrauch durch den Lockdown gesunken ist, stieg der Stromverbrauch der Haushalte signifikant an. In ganz Europa sehen die Energieversorger, dass die Nachfragemuster der Haushalte an Wochentagen zu typischen Wochenendtagen tendieren - die Nachfrage ist höher, und das Profil ist flacher. Seit dem 15. März 2020 ist der durchschnittliche Energieverbrauch während der Bürozeiten für Haushalte in Deutschland um 8% und die Nachmittagsspitze sogar um 15% gestiegen.

Es wird erwartet, dass die Anzahl der von Zuhause aus arbeitenden Menschen, auch bei einer raschen wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie, dauerhaft höher bleiben wird. Sehr wahrscheinlich kommt es dadurch zu einer bleibenden Anpassung der Lastkurve von Haushalten. Diese Veränderung kann Auswirkungen auf die traditionellen Geschäftsmodelle der Energieversorge haben – aber auch neue Chancen bieten. 

 

 

 

 

Abbildung 1: Lastkurve von Privathaushalten und typische Einspeisekurve von Photovoltaikanlagen im Frühling in Deutschland (Quelle: Tagesspiegel / Fresh Energy, Guidehouse)

Die „neuen“ Konsumenten im Home-Office sind sich ihres Energieverbrauchs und der entsprechenden Mehrkosten bewusst.

Die privaten Energiekosten werden, durch den zunehmenden Stromverbrauch während des Lockdowns, genauer unter die Lupe genommen. Das Bestreben die Kosten zu senken führt zu aktiveren Kunden, die ihren Energieverbrauch überwachen und verwalten oder gar ihren eigenen Strom erzeugen wollen. Zudem sind vor allem Personen mit höherem Einkommen ins Home-Office gezogen – die Gruppe, welche tendenziell mehr in energieeffiziente, innovative und erneuerbare Technologien investiert.

Energieversorger können von einem erhöhten Kundenbewusstsein profitieren, indem sie sich stärker auf die neuen Kundenwünsche konzentrieren und ihre Beziehungen, über die Bereitstellung von Energie hinaus, ausweiten, z.B. indem sie nachhaltige Heiz- und Kühlsysteme oder ein besseres Wohnerlebnis durch digitale Haushalts- und Stromsparprodukte anbieten.

PV-Anlagen werden ebenfalls interessanter, da der Mehrverbrauch zur Mittagszeit im dargestellten Fall (siehe Abbildung) dazu führt, dass die Eigenverbrauchsquote um ca. 10% steigt und sich somit die Investition für die Kunden noch schneller auszahlt. Dies wird u.a. das wachsende Segment der (klimabewussten) Millenials, aber auch die bereits für die Energiewende aktiven Eigenheimbesitzer dazu ermutigen, in die Eigenerzeugung zu investieren. Generell sind Kunden die zu Hause bleiben auch online aktiver. Die Energieversorger sollten gut positioniert sein, um von diesem wachsenden Absatzmarkt zu profitieren.

Wie kann man als Energieversorger in der „neuen Normalität“ erfolgreich sein?Obwohl diese Situation eine große Chance ist, um eine größere Rolle bei den Privatkunden zu spielen, gelingt es vielen Energieversorgern nicht ihr Angebot zu diversifizieren und mit den Kunden aktiver in Kontakt zu treten. Eine effektive Strategie zur Intensivierung und Nutzung bestehender Kundenbindungen ist von entscheidender Bedeutung.

Nachfolgend die wichtigsten „Lessons Learned“:

  • Kundendaten nutzen. Für eine verbesserte Kundenprofilerstellung und Verhaltensanalyse ist die Nutzung von Informationen über Familie, Familienstand oder z.B. Besitz eines Elektrofahrzeugs – soweit DSGVO-konform möglich – bei der Entwicklung maßgeschneiderter Produkte und eines gezielteren Marketings hilfreich. Zunehmend verwenden Anbieter künstliche Intelligenz zur Verbesserung der Kundenlastprognosen, was dabei hilft, Unsicherheiten und Reserven zu reduzieren und somit Kosten zu senken.
  • Integrierte Lösungen schaffen. Die intelligente Integration von sich ergänzenden Dienstleistungen kann einen Wettbewerbsvorteil schaffen und Synergien für die Kunden bringen. So könnten z.B. Smart Home, intelligente Messsysteme oder E-Mobil-Wallboxen mit neuartigen Stromtarifen gebündelt werden.
  • Mit den „Best-in-Class“ kooperieren. Die Entwicklung neuer Produkte kann kostspielig und herausfordernd sein. Eine Partnerschaft mit führenden Technologieanbietern kann das Risiko im Austausch für den Kundenzugang verringern. Starke Partnerschaften können zudem die Markenwahrnehmung verbessern und den Umsatz durch Cross-Selling steigern.
  • Finanzierungsangebote wie Beteiligungsprogramme für Kosteneinsparungen oder Leasing können dazu beitragen die Investitionshürde für Kunden zu überwinden. Die Unterstützung bei der Finanzierung durch nachhaltige Kredite oder Zuschüsse, wie sie im Konjunkturprogramm der Bundesregierung und dem „Green Deal“ der EU geplant sind, ist eine Möglichkeit die Kosten der Kunden für energieeffiziente Immobilien zu senken.

Nach der ersten COVID-19-Welle bildet sich allmählich eine "neue Normalität" heraus, an welche die Energieversorger sich schnell anpassen sollten, um sich bietende Möglichkeiten zu nutzen. Wenn dies zu langsam oder gar nicht geschieht, werden die etablierten Unternehmen mit einer verstärkten Abwanderung Ihrer Kunden rechnen müssen. Klassische, aber agile Wettbewerber wie auch neue Marktteilnehmer – von technisch versierten Start-ups bis hin zu den großen Öl- und Gasunternehmen – stehen schon in den Startlöchern.   

 

 

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